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                            Marie 
   

Eine Collage nach Büchners Woyzeck. 


1. Szene

Ein karger, schlichter Raum. Eine Krippe oder ein Korb für das Kind. Drei Stühle. Der Stuhl in der Mitte ist unbesetzt. Auf den beiden anderen Stühlen sitzen der Tambourmajor und Woyzeck. Sie starren blind vor sich hin, Denkmäler aus Stein. Marie tritt auf. Sie trägt die neuen Ohrringe, die der Tambourmajor ihr geschenkt hat. 

Marie: 
Was die Steine glänzen! Was sind`s für? Was hat er gesagt?- - Schlaf Bub! Drück die Augen zu, fest! Noch fester! Bleib so - still, oder er holt dich!
(Singt)
Mädel, mach´s Ladel zu,
`s kommt e Zigeunerbu,
Führt dich an deiner Hand
Fort ins Zigeunerland.
(Spiegelt sich wieder) S´ist gewiss Gold! Wie wirds mir beim Tanze stehen?- - Unsereins hat nur ein Eckchen in der Welt und ein Stückchen Spiegel, und doch hab ich ein so roten Mund als die großen Madamen mit ihren Spiegeln von oben bis unten und ihren schönen Herrn, die ihnen die Händ küssen.


Marie setzt sich auf den Stuhl in der Mitte. 


Marie:
Als ich Woyzeck kennen lernt, da hab ich gedacht, so ein Mann gibts nur einmal. Hab mich sofort in ihn verschaut, auf den ersten Blick. Das war einer, nicht so wie die anderen- -
Hat mir bei der Wäsche geholfen. Hab ihn nicht mal fragt, ist einfach gekommen und hat gesagt- 

Woyzeck:
Ich helfe Ihnen. 

Marie: 
Als ob ich ne edle Frau wäre! Sie hat er gesagt und Ihnen und mich dabei angeschaut, als ob ich drei Schlafzimmer zu Haus hätt` und fließend Wasser und `ne Magd, die mir jeden Morgen die Haare frisiert. Dabei hab ich nur Lumpen angehabt.
Erst hab ich ja gedacht, er macht sich lustig über mich. Wie die Soldaten halt so sind. Nix als Unsinn im Hirn, und `ne Frau ist auch nur für die da, um `n paar Bengel mehr auf die Welt zu setzen. Als gebe es nicht genug Bengel auf der Welt!
Aber er, er hats wirklich so gemeint. Ich war `ne richtig edle Frau für ihn. Soldat, hab ich gemeint, du verwechselt mich mit jemand. Ich bin doch nur die Marie. Und da hat er gemeint, daß es nicht die Kleider sind, was einen schönen Menschen macht.

Woyzeck (erhebt sich ruckartig): 
Sind nicht die Kleider, was einen schönen Menschen macht.


Marie:
Haben uns immer gesehen, wenn nur paar Stunden Zeit da waren. Woyzeck hat geredet und geredet, als ob er zwei Zungen im Maul hätt und nicht nur ein wie die andere Mensch. Hab mich gefragt, wie kann der Mensch nur so daher reden, wo er doch keine Bildung und keine Bücher zu Haus.- - Lesen konnt der Woyzeck ja auch nicht. Und er wollt immer wissen, was ich so denke. Marie, was meinst du dazu, hat er immer gesagt. Und mich so angeschaut, als ob ich ihm gleich n Geheimnis verrate. (Pause) Das war ein gutes Gefühl, daß einer wissen wollt, was ich so denke. Auch wenn hier--der Kopf -- nix besonderes denkt. Denkt so, was die anderen denken. Ich hab zwar nicht nachgeschaut in den Köpfen, aber so muß es sein.--


Marie dreht sich langsam zu Woyzeck um.Sie schaut ihn kurz an, dann wendet sie sich wieder nach vorne.


Marie:
Ich hab den Woyzeck reden hör`n mit dem Hauptmann-


Woyzeck (springt auf):
Die Tugend, Herr Hauptmann, die Tugend! Sehn Sie, wir gemeine Leut, das hat keine Tugend, es kommt einem nur so die Natur; aber wenn ich ein Herr wär und hätt ein Hut und eine Uhr und eine Anglaise und könnt vornehm reden, ich wollt schon tugendhaft sein. Es muss was Schönes sein um die Tugend, Herr Hauptmann. Aber ich bin ein armer Kerl-- (Woyzeck setzt sich)


Marie:
-und der Hauptmann wußt gar nicht mehr, was er sagen sollt. Er macht mich ganz konfus mit seiner Antwort, hat der Hauptmann gesagt, und konfus--, also das ist, wenn - -wenn... einer nicht mehr weiter weiß, weil ihm die Gedanken über den Kopf wachsen. Mein Woyzeck, hab ich der Nachbarin gesagt- (bricht plötzlich ab)


(Marie überlegt)


Marie:
Manchmal hab ich gedacht, der Woyzeck, der Woyzeck hätt nicht als Woyzeck auf die Welt komme solle. Da hat der liebe Gott sich geirrt. Da hat er den richtigen Mann an die falsche Stelle gestellt - -. Die Marie, die ist schon ganz richtig als Marie auf die Welt gekomme. Morgens die Wäsch holen und die Nachbar`n für ein paar Groschen putzen helfen, das ist die Marie. Aber der Woyzeck- 


Woyzeck( wie ein Prediger):
-der liebe Gott wird es dem armen Wurm nicht ansehen, ob das Amen drüber gesagt ist, eh er gemacht wurde. Der Herr sprach: Lasset die Kleinen zu mir kommen! 


Marie:
n´ Pfarrer oder n richtiger Offizier, das hätte der liebe Gott ihn mache solle. Aber `n einfach Soldat, dem hört keiner zu, das is doch wie der Aff auf dem Markt. Nur wenn du Pfarrer bist, da lacht keiner mehr. Da hörse zu, und wenn aus Weiß Schwarz wird und aus die Liebe ein Sünd, die dich direkt in die Hölle schickt. 





2. Szene.



Marie:
Der Tambourmajor - ich hab ihn kennen lernt, als er die Soldaten die Straß`- . Wie er hochgeschaut hat, die Augen glänzen wie Stein. Und über die Brust ... ein Rind, und ein Bart wie ein Löw`.

Tambourmajor (steht ruckartig auf und marschiert ): 
Und wenn ich erst am Sonntag den großen Federbusch hab und die weißen Handschuh. Donnerwetter. Der Prinz sagt immer, Mensch, Er ist ein Kerl.


Marie: 
Nicht, daß einer denkt, ich hätt den Woyzeck nich geliebt. Aber der Mann, der muß sein Platz in der Welt kennen. Und eine Frau, die will wissen, was die Zukunft bringt. Wie ich den Woyzeck kannt, wurd er immer merkwürdiger. Er hat geredet und geredet und keiner hat ihn mehr verstand`. Hat nur noch in sein` Gedanken gelebt, als gebe es sonst nichts. Aber es gab doch... noch sei Kind und mich, und ich will auch was vom Leben haben. Er hat mich richtig erschreckt, der Woyzeck, als ob er ein ander Mensch sei. Ich kannt ihn so gar nicht.


Woyzeck:
Marie, Marie. Es war wieder was, es ist hinter mir hergegangen bis vor die Stadt.Es geht hinter mir, unter mir- (stampft auf den Boden). Hohl, hörst du? Alles hohl da unten. Über der Stadt alles Glut. Ein Feuer fährt um den Himmel und ein Getös herunter wie Posaunen. Wies heraufzieht. Fort- sieh nicht hinter dich!


Marie: 
Wenn er nur gerufen hat, da bin ich schon zusammengezuckt. Die andere in dem Dorf, die haben auch schon über ihn geredet. Selbst der Andres. So vergeistert der Mann, meint der Andres, der schnappt noch über mit den Gedanken. Und der Doktor hat gesagt- 

(Doktor und Hauptmann treten auf. Sie stellen sich links und rechts von Woyzeck auf, die Münder direkt an Woyzecks Ohr)


Doktor: Abberratio mentalis partialis.

Hauptmann: Der Puls, Woyzeck, der Puls. Klein, hart, hüpfend, unregelmäßig. 

Doktor: Zweite Spezies, Woyzeck, sehr schön ausgeprägt, Woyzeck. 

Hauptmann: Gesichtsmuskeln starr, gespannt, zuweilen hüpfend. Haltung aufgeregt.

Doktor: Interessanter Kasus, Woyzeck. Fixe Idee. Subjekt Woyzeck noch ins Narrenhaus. 

Hauptmann: Narrenhaus?

Doktor: Narrenhaus!

(Doktor und Hauptmann verlassen gemeinsam die Bühne)



3.Szene


Marie: 
Da hab ich gedacht-. Nachts wach gesessen hat die Marie und - . Ich mein-, daß war zwar immer noch mein Woyzeck, aber- .

Tambourmajor(sitzend): 
Der Prinz sagt immer, Mensch, er ist ein Kerl.

Marie: 
Ein Mann muß sich auch um sein Famil` sorgen können und das Kindl anschaun und die Marie abends ins Wirtshaus ausführen.(Pause) Und der Woyzeck- (bricht ab, wendet sich zu Woyzeck, wendet sich wieder ab). (Sie singt): Mädel, was fängst jetzt an? Hast ein klein Kind und kein Mann!

Tambourmajor(steht auf):
Der Prinz sagt immer, Mensch, er ist ein Kerl.

Marie:( während sie spricht, steht der Tambourmajor auf und bedeckt Woyzeck mit einer weißen Stoffplane)
Steht auf seinen Füßen wie ein Löw, hat die Nachbarin gesagt. Wie sie hinterschaut habe, wenn ich mit dem Major die Straß - ich war stolz vor allen Weibern!... Wenn er hat befohlen, haben die Soldat` gehen müssen. Selbst der Andres. Der Tambourmajor hat ihm befohle, und der Andres hat gehen müsse. Der Andres ist nur ein einfach Soldat, hat er gesagt, aber ich bin ein richtig Tambourmajor.


Tambourmajor(sitzt wieder):
Ein Mann wie ein Baum. Tanz, Marie, Tanz!


Marie: (Sie steht auf, geht zu dem Tambourmajor, setzt sich auf seinen Schoß und küsst ihn leidenschaftlich. Kurze Pause)
Lieben hab ich ihn nie! Nicht so wie den Woyzeck. (Sie küsst ihn erneut) Ich mein, der Tambourmajor war kein gut-

Tambourmajor: 
Wer will was? Wer kein besoffner Herrgott ist, der lass sich von mir. Ich will ihm die Nase ins Arschloch prügeln. Ich will- ! Die Welt wär Schnaps, Schnaps! 


Marie: 
Aber wenn er hat befohlen, hat der andre gehen müsse. Und die Stein- ( sie bricht ab, starrt vor sich hin. Dann steht sie auf und geht, mit dem Rücken zum Zuschauerraum, bis zur hinteren Bühnenwand.) -gewiss Gold.


Das Licht bleibt an. Die Charaktere auf der Bühne sind in ihrer Pose erstarrt. Ende. 




 

© Johan Eichhorn